Vertrauen(ssache) - Kapitel 7 (Drama, P12)

Nach einiger Zeit sind die beiden an Boris’ Anwesen angekommen. Es lag etwas weiter vom Zentrum entfernt. Von außen wie auch von innen sah es recht unspektakulär aus. Roman schätzte seinen Bruder als minimalistisch ein, aber die Innenausstattung seines Eigentums sprach eine andere Sprache. Anstatt von wenigen Möbeln stapelten sich allein schon im Wohnzimmer die Zeitschriften und Bücher. Boris war sehr belesen, fand aber selbst nach unzähligen Jahren von Selbstständigkeit keinen Sinn für die Ordnung. Er und Natascha wohnten seit etwa einem Monat zusammen und sie war im Thema Ordnung halten das komplette Gegenteil zu ihm. Nichts durfte einfach so rumliegen. Alles musste verstaut werden auch wenn eine Sache nicht ganz in ein Regal passte. Ihr Ordnungswahn ging teilweise so weit, dass noch nicht einmal eine offene Chipstüte auf dem Couchtisch liegen bleiben durfte.

Boris schloss die Tür mit seinen Haustürschlüssel auf und sie betraten zusammen das Wohnzimmer. Es war wirklich das einzige Zimmer in Boris’ Haus welches Roman wirklich kannte. Zu den anderen Räumen hatte jeglicher Besuch ein striktes Zutrittsverbot. Er wunderte sich schon länger was der Grund für diese Entscheidung war. Hinterfragt hat er es nie und dieser Zeitpunkt war eher ungelegen. Gerade gab es wichtigeres zu klären. Am besten behielt er es für einen anderen Tag auf. Es dauerte keine Sekunde bis sich Boris gezielt zu seiner Couch bewegte. Angekommen hob er einen Briefumschlag vom Tisch auf. Roman trat näher und betrachtete den weißen Briefkuvert ohne Aufschrift. “Was ist das?”, fragte Roman. Boris öffnete wie im Trance den Umschlag und zog zwei zusammengefaltete A4-Seiten heraus und entfaltete sie. Aus Neugier wer der Absender war nahm sich Boris die zweite Seite und drehte diese um. “Dieser Brief stammt von Natascha”, stellte er mit Erstaunen fest. “Es würde mehr Sinn machen den kompletten Brief zu lesen als nur den Absender”, sagte Roman und entriss seinem Bruder den Brief aus seinen Händen.

Beide haben sich auf die kleine Ledercouch niedergelassen, jeder in einer Ecke. Roman gab Boris den Brief wieder und bat ihn das Schreiben laut vorzulesen.

“Lieber Boris, mein allerliebster Boris,

Es tut mir alles so wahnsinnig leid. Ich will mich bei dir entschuldigen, aber meine Worte reichen nicht um dir die gesamte Situation zu erklären. Und ich weiß auch, dass du mir meine Taten nicht verzeihen wirst. Darum schreibe ich dir diesen letzten Brief, dass du keine andere Wahl hast als mir zuzuhören.

Als wir uns vor vier Monaten zum ersten Mal kennenlernten wusste ich sofort, dass du ein Mensch besonderer Art bist. Mir war von Anfang an bewusst, dass unsere Beziehung stressig wird und es viele Stolpersteine geben wird. Eines konnte ich aber nicht voraussehen, den Schlussstrich den ich nun gesetzt habe. Dass ich diejenige sein würde, die mit ihren Handlungen einen tiefen Schnitt in vieler fremder Leben bringe.

Und ich möchte ehrlich mit dir sein. Das Attentat auf Magda habe ich verübt. Ich möchte mich nicht aus allem rausreden, aber bitte sei dir einer Sache bewusst. Es war Absicht, aber keineswegs geplant. Mein Herz und auch mein Kopf wurden von unendlicher Eifersucht geplagt. Es ließ mich schlussendlich Dinge tun, die ich mir selbst hätte nie erträumen können.

Es war niemals mein Vorhaben jemanden ernsthaft zu verletzen und keineswegs jemanden das wertvolle Leben zu nehmen. Mir ist es unglaublich peinlich, dass ich dieser blinden Wut gefolgt bin. Ich mag euch alle sehr und mir ist deine Familie in den letzten Monaten auch sehr an’s Herz gewachsen. Daher möchte ich euch nicht länger mit meiner Anwesenheit belästigen.

Wenn du diese Zeilen liest, sitze ich bereits im Zug und verlasse das Land für eine unbestimmte Zeit. Vielleicht bleibe ich auch für immer weg. Selbst wenn du mir irgendwann verzeihst, dann bitte ich dich nicht nach mir zu suchen. Ich werde unter einer neuen Identität ein neues Leben beginnen und werde meine Buße tun.

Ich danke dir für diese schöne Zeit, die wir zusammen hatten. Ich werde dich nie vergessen, aber ich muss mich nun von dir verabschieden.

In ewiger Liebe,
Natascha”

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