Finn - Kapitel 6 (Mystery, Horror, P12)

Oben angekommen war zunächst nichts zu sehen. Im obersten Bereich standen mehrere Tische, wie auch jeweils zwei Stühle links und rechts. Abgesehen von den dutzend Büchern und der ganzen Papiere, erinnerte der Anblick ein rundes Kleinraumbüro mit der Ausnahme, dass der Ausblick sich Richtung Meer befand. Zwischenzeitlich hat der Himmel eine dunkelgraue Farbe angenommen und auch schon einige Regentropfen fielen hinab. Und da entdeckte Finn ‘Vivian’ am Geländer stehen. Sie stand regungslos dort und schien in den Anblick der Wellen des Meeres gefangen zu sein. Finn ging hinaus und ‘Vivian’ sprach in einer sanften Stimmlage, “Ich hoffe, dass du dich langsam daran erinnern kannst”. Sie seufzte kurz und fuhr fort, “Zehn Jahre sind eine lange Zeit, aber ich wollte nicht wahrhaben, dass du alles vergessen hast. Du, ich, die Zwillinge, dein verdammter Bruder. Einfach alles”. “Ich…”, fing Finn an zu stottern, “Ich weiß nicht von was du da redest. Aber ja, ich kann mich so langsam an damals erinnern. Und du warst auf einmal so schnell weg gewesen. Ihr seid umgezogen und wir hatten jahrelang keinen Kontakt mehr gehabt”. Langsam stiegen Finn die Tränen in die Augen. “Weißt du wie sehr du mir gefehlt hast? Ich verstehe nicht, wieso du mich nach so langer Zeit aufsuchst und anstatt normal mit mir zu reden, willst du unsere Vergangenheit wieder aufwühlen? Ich bin davon ausgegangen, dass wir alles verdrängen wollten”. ‘Vivian’ drehte sich nun um und zeigte Finn ihre wahre Gestalt. Ihre Haut leuchtete in einem grau-silbernen Ton, ihre Blutadern stachen in dunkelblauer Farbe von der Haut heraus und ihre Augen waren leer und glasig. “Was… Was ist mit dir passiert? Wieso bist du…?”, fing Finn an zu sagen. “Tot? Wieso ich tot bin willst du wissen?”, antwortete ‘Vivian’ leicht aggressiv. “Du scheinst die ganze Wahrheit gar nicht zu kennen. Richtig? Dann helfe ich dir mal auf die Sprünge, klein Finn”. Finn wollte ihr näher treten, aber die Angst hielt Finns Körper gefangen.

“Vor zehn Jahren waren wir die besten Freunde und dennoch hast du immer noch Prinzessinnen mit den Zwillingen nebenan gespielt. Ihr habt Tee-Partys veranstaltet, euch gegenseitig kleine Krönchen aufgesetzt und nur Mini-Muffins und Kekse gegessen. Ich hingegen hatte auf diese Mädchen-Scheiße keinen Bock und du scheinbar auch nicht unbedingt. Sonst hätten wir uns damals nicht so gut verstanden. Aber daran solltest du dich definitiv erinnern können. Und dann vor zehn Jahren wollten wir uns einen Spaß mit ihnen erlauben. Du hast mir erzählt, dass eure Nachbarn nicht da waren und ein Babysitter auf die beiden aufpasste und wir einigten uns darauf ihnen einen kleinen Schreck einzujagen. Nur zu schade, dass aufgrund eines kleinen Lagerfeuer das komplette Haus abfackelte und die drei dabei lebendig verbrannten. Weißt du noch, dass du damals meintest wir sollten Hilfe holen oder noch besser, du wolltest rein und sie mit deinen eigenen sechs Jahren selbst dort rausholen? Du bist innerhalb von Sekunden von meiner Seite abgedampft und standest dann in deren Haus. Wie bescheuert kann man eigentlich sein? Es war selbstverständlich, dass ich dir gefolgt bin und dich da wieder rausgeholt habe. Nur blöd, dass ich scheinbar zu viel Rauch eingeatmet habe und dann umgekippt bin. Ich hab nur noch mitbekommen, dass du mich verzweifelt angeschrien hattest und gesagt hast, dass du deinen Bruder zur Hilfe holen wolltest. Daraus ist ja sichtbar auch nichts geworden. Der Typ war doch sowieso die ganze Zeit mit seinen Kumpels beschäftigt. Und weißt du was die die ganze Zeit gemacht haben? Ich hab es gesehen und bedauerlicherweise auch gehört. Die haben nur gezockt und sich Pornos reingezogen. Allein das war schon ein Trauma wert. Aber das ist für die Geschichte eigentlich unrelevant. Jedenfalls wirst du sicherlich noch mitbekommen haben, dass jemand die Feuerwehr gerufen hat und ich in einem Krankenwagen abtransportiert wurde. Das ist eigentlich auch die letzte Erinnerung, die ich von diesem Abend habe. Denn ich bin schlussendlich im Krankenhaus an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben. Von deinem Gesichtsausdruck her vermute ich, dass du davon nichts weißt. Vermutlich haben es dir deine Eltern verschwiegen und haben dir stattdessen die Lüge aufgetischt, ich habe die Stadt verlassen. Okay, teilweise ist das schon verständlich, aber irgendwann hätten sie dir schon die Wahrheit erzählen müssen. Ich habe dennoch alles mitbekommen, denn ich habe dich beobachtet und dich die letzten Jahren unbemerkt begleitet. Der Brand wurde nie aufgeklärt. Es wurde nur auf Brandstiftung getippt, aber niemand kam auf die Idee, dass zwei kleine Mädchen ein so großes Feuer entfachen könnten. Du warst sicherlich glücklich darüber, dass es für dich keine Konsequenzen gab und du nach ein paar Monaten wieder normal leben konntest. Aber ich finde, dass das nicht fair ist. Ich habe vor zehn Jahren für mein Verbrechen gebüßt und du musst das gleiche tun. Für dich gibt es keinen Ausweg, Finn.”

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